Faber: Mehr politische Initiativen gegen den Klimawandel

Allianz Group, München, 03.07.2008 - Die acht führenden Industrieländer leisten nicht genug, um den weltweiten Klimawandel wirksam einzugrenzen, stellt eine Studie der Beratungsgesellschaft Ecofys fest, die von WWF und Allianz SE in Auftrag gegeben wurde. Joachim Faber, Vorstandsmitglied der Allianz SE, erklärt, wie die G8-Staaten trotz hoher Energiepreise mehr für den Kampf gegen den Klimawandel tun könnten.

Herr Dr. Faber, worum geht es bei den Climate Scorecards?

Joachim Faber: Die Climate Scorecards untersuchen, was die G8-Staaten, die führenden Industriestaaten der Welt, im Kampf gegen den Klimawandel erreicht haben. Bewertet werden dabei verschiedene Bereiche: inwieweit haben die einzelnen Staaten ihre Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren verringert, wie entwickeln sich die Emissionswerte derzeit und was ist für die Zukunft geplant oder bereits in Arbeit?

Einige Staaten wie etwa Großbritannien und Frankreich sind hier führend, andere wie die Vereinigten Staaten liegen weiter zurück. Bei allen Staaten sehen wir aber, dass sie gerade erst auf dem Weg sind den weltweiten Klimawandel zu begrenzen.

Auf welche Grundlagen stützen sich diese Ergebnisse?

Faber: Die Studie wurde von Ecofys durchgeführt, einer unabhängigen Beratungsgesellschaft, die sich auf erneuerbare Energien und Klimapolitik spezialisiert hat. Wir haben die Studie gemeinsam mit unserem strategischen Partner WWF in Auftrag gegeben. Die Scorecards sind nur ein Ergebnis unserer Zusammenarbeit mit dem WWF, aber, wie ich finde, ein sehr wichtiges.

Wir glauben, dass die G8-Staaten in der Verantwortung stehen. Sie müssen Vorbilder sein im Wettlauf gegen den Klimawandel, auch wenn die Weltwirtschaft in einer schwierigen Phase steckt. Länder wie Deutschland oder die Vereinigten Staaten müssen den Weg ebnen hin zu einer kohlendioxidarmen Weltwirtschaft.

Was müssen die G8 Staaten tun, um echte Veränderungen anzustoßen.

Faber: Dem Intergovernmental Panel on Climate Change, dem Klimagremium der Vereinten Nationen, zufolge müssen wir unseren Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 massiv einschränken, um den Temperaturanstieg auf ein erträgliches Minimum zu begrenzen.

Was wir jetzt brauchen, sind politische Initiativen. Auf dem G8-Gipfel kommende Woche in Japan sollten sich die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten auf langfristige, bindende Treibhausgasreduktionen einigen, nach Möglichkeit um die 40 Prozent bis zum Jahre 2020. Nur dann hätten wir eine reele Chance, das Rennen gegen den Klimawandel zu gewinnen.
Die Studie untersucht auch Schwellenländer wie China und Brasilien. Schneiden diese Länder besser ab?
Faber: Das ist eine interessante Frage. In den letzten Jahren haben wir einen starken Anstieg bei den Treibhausgasemissionen in Ländern wie China festgestellt. Misst man aber den Ausstoß pro Kopf, ist ihr Anteil immer noch weit unter dem weltweiten Durchschnitt. Diese Staaten kann man nicht nach demselben Maßstab bewerten, wie Industrieländer; sie sind deshalb auch nicht auf der Rangliste.

Wenn wir hier weiteres drastisches Wachstum vermeiden wollen, brauchen diese Länder die Hilfe der Industriestaaten. Yvo der Boer, der Generalsekretär der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, hat dazu einen interessanten Vorschlag gemacht. Das nächste Kyoto-Abkommen sollte einen Passus enthalten, der es Regierungen ermöglicht, sogenannte Klimaanleihen auszugeben, mit denen Projekte im Bereich der erneuerbaren Energie finanziert werden, um den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern. Private Investoren könnten diese Anleihen kaufen, um ärmere Länder auf ihrem Weg zu einer umweltfreundlicheren Wirtschaftsweise mit geringem Kohlendioxid-Ausstoß zu fördern.

Wie könnte eine umweltfreundliche, kohlendioxidarme Wirtschaft aussehen?

Faber: Besonders wichtig wäre es, den weltweiten Handel mit Kohlendioxid-Emissionsrechten zu fördern. Wir brauchen klare und effektive gesetzliche Vorgaben. Wir brauchen einen wirklich weltumspannenden Markt, in dem Kohlendioxid-Emissionen auf transparente und vergleichbare Weise bepreist werden.

Das Emissionshandelssystem der EU entspricht diesem Ideal noch am ehesten. Aber es könnte noch besser funktionieren. Die teilnehmenden Regierungen sollten Emissionsrechte zukünftig zu 100 Prozent versteigern. Dann würden sie auch die Marktmechanismen voll auszunutzen.

Der daraus resultierende Preis für Kohlendioxid-Emissionen würde auch bei den Energiekosten für mehr Klarheit sorgen. Strom aus klimaschädigenden Kohlekraftwerken, die etwa in Deutschland, den USA oder China sehr wichtig sind, würden ihren Kostenvorteil gegenüber erneuerbaren Energien verlieren.

Wir brauchen grundsätzlich mehr Unterstützung für erneuerbare Energien in den G8-Staaten. Den Climate Scorecards zufolge ist Deutschland mit einer beispielhaften Gesetzgebung hier die Ausnahme. Wenn wir aber einen globalen Markt für Kohlendioxid-Emissionsrechte hätten, wären erneuerbare Energien noch wettbewerbsfähiger.

Warum setzt sich ein profitorientiertes Unternehmen wie die Allianz für solche Maßnahmen ein?

Faber: Zunächst einmal ist es unsere unternehmerische Pflicht, unseren Teil dazu beizutragen, damit unsere Welt vor negativen Veränderungen bewahrt wird. Und als Versicherer und Risikomanager versuchen wir, unsere Kunden vor Schäden und Verlusten zu schützen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Laufe der letzten 30 Jahre sind die Versicherungsprämien, die an Opfer von Naturkatastrophen ausgezahlt wurden, um den Faktor 15 angestiegen.

Wenn wir jetzt reagieren, können wir diesen beunruhigenden Trend beeinflussen und damit gleichzeitig auch neue Wachstumsmärkte schaffen. Wirksame Maßnahmen wird es nicht umsonst geben. Große Teile der Weltwirtschaft müssen sich neu aufstellen und wir sollten uns im Zuge dessen auch über die Gewinner und Verlierer dieses Prozesses bewußt werden. Wenn wir bis 2020 auf eine kohlendioxidarme Wirtschaft umstellen wollen, wird dies massive Investitionen erfordern. Hier werden wir auch die Hilfe von Staatsfonds und den Staatsregierungen benötigen, aber ein Großteil dieser Investitionen wird aus privater Hand kommen.

Warum sollten private Investoren und Staatsfonds denn diese enormen Summen ausgeben?

Faber: Dank dieser Investitionen könnten sich klimafreundliche und "saubere" Technologien zu einem enormen Wachstumsmarkt entwickeln. Wir sehen hier ein sehr großes Potenzial für neue und gute Arbeitsplätze. Finanzhäuser nehmen schon heute Schlüsselpositionen in den Märkten für erneuerbare Energie und Energieeffizienz ein. Die Weltgemeinschaft sollte für funktionierende Marktmechanismen ohne ein Übermaß an staatlicher Regulierung sorgen, um dieses wachsende Engagement zu fördern.

Das ist auch ein weiterer Grund, warum Allianz und WWF die Studien von Ecofys unterstützen. Wir wollen besser verstehen, wie sich dieser tiefgreifende Wandel auf Investmentmöglichkeiten und die Gesetzgebung national und international auswirkt. Das hilft uns als Unternehmen auch, klimafreundliche Versicherungsprodukte und Fonds zu entwickeln und den Wettlauf gegen den Klimawandel zu unterstützen.
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